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Irland - Bericht
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| Bericht von Bettina Fraschke | ||||||
| Veröffentlicht in der HNA am
Sonntag, den 18. Mai 2003 "ReiseZeit" Die Bilder sind im Jahr 1999 aufgenommen worden, bei einer One-Way-Tour von Carrick on Shanon durch den Shanon-Erne-Kanal nach Enniskillen in Nordirland |
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Wo die Schiffe bergauf fahren
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Mit dem Hausboot in Irland unterwegs - Wiederentdeckte Wasserwege und die Lust an der Langsamkeit
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Fast scheint es, der Kaffeeduft aus der kleinen Bordkombüse könnte den irischen Morgennebel vertreiben. Wer in der Frühe auf der Kommandobrücke des Hausboots steht, windsicher eingepackt, die Tasse neben dem Steuerrad balancierend und versucht den Nebel zu durchdringen - mit Blicken und mit langsamen Steuermanövern des überraschend großen Kahns - der glaubt von Stunde zu Stunde mehr an die wetterändernde Wirkung der Heißgetränk-Schwaden. Rechts weiß, links rot, die Markierungen auf dem Shanon-Erne Wasserweg stehen schließlich nicht zu Dekoration da. Niedrig ist das Wasser im Kanal, die Fahrrinne eng - und wer auch nur ein wenig ausschert, läuft mit dem Kahn womöglich auf einer Sandbank auf.
Zum Glück ist die Karte sehr detailliert, zum Glück ist der Kaffee heiß, zum Glück prickelt der kalte Wind so auf der Haut, dass keine Zeit für Schläfrigkeit bleibt. Und wenn endlich die Wolkenbänke aufreißen, bleibt ohnehin keine Zeit mehr für irgendetwas anderes als für das Staunen. Funkelnd blau, funkelnd grün, funkelnd weiß, funkelnd schwarz. See, Wiese, Gischt, Granit. Starke Kontraste, klare Farben: --- Das ist Irland. --- Die Republik entdeckt ihre Wasserwege wieder. Vom majestätischen Shanon, seit Jahren beliebtes Ziel für Freizeitkapitäne, gibt es eine Verbindung gen Norden zum Fluss Erne: den Shanon-Erne-Wasserweg. Jahrzehntelang war der Kanal überwuchert, kaum jemand erinnerte sich an die schmalen Gewässer. Besonders rentabel war dieser Wasserweg nie. Deshalb wurde er zwar aufwändig und mühevoll gebaut in der Mitte des 19.Jahrhunderts, dann aber nur wenige Jahre benutzt - die Eisenbahn war einfach schneller. Der Shanon-Erne-Kanal verfiel in den Dornröschenschlaf. Über hundert Jahre lang. Erst vor ein paar Jahren wurde der romantische Wasserweg - mit Millionengeldern der Europäischen Union - zu neuem Leben erweckt und seitdem erobern ihn Hausboottouristen. Jährlich sind es 3500 Boote, nach dem 1869 nur acht Kähne die engen Wege passierten. Das Shanon-Wasserrevier erweitert sich damit auf 750 Kilometer. Viele Tage kann man auf den Hausbooten im Nordwesten der Insel unterwegs sein und in seinem eigenen Tempo über Seen und Flüsse bummeln. Schnell fahren ist ohnehin nicht erlaubt - zu fragil ist die Böschung, der Wellenschlag würde wertvolle Biotope vernichten. Diese Langsamkeit fällt den Urlaubern am Anfang schwer. In Höchstgeschwindigkeit hasten sie über die Seen, ungeschickt durch die ersten Kilometer schlingernd. Ein 9- oder gar ein 14-Meter-Kahn steuert sich schließlich nicht wie ein Kleinwagen. Erst mit den Stunden und Tagen lernt man, wie schön das langsame Tuckern ist. Fünf Kilometer pro Stunde ist das Maximum. Der Weg ist das Ziel, wer muss schon irgendetwas erreichen. Zum Ferienende das entgültige Fahrtziel, okay, aber vorher teilt man sich die Strecke selbst ein, legt an und übernachtet da, wo es schön ist. Klosterfan? Dann ist Boyle lohnend, wo man sich unbedingt von den netten Ladies mit ihrem Regenschirm als Zeigestock durch die Ruinen der alten Abtei führen lassen sollte, denn sonst übersähe man die magischen Gewölbeabschlusssteine mit Fabelwesen. Lust auf Shopping? Dann ist das mondän-quirlige Wassersportzentrum Carrick-on-Shanon das richtige Ziel, wo "The Leitrim Design House", ein kleiner historischer Hof, mit anspruchsvollem Kunstgewerbe lockt. Lust auf Spezialitäten? Dann ab nach Boyle zum Delikatessenladen "Heran's", wo der weißbekittelte Inhaber Rory Seetangkekse empfiehlt und hinter der Theke einen Zettel aufgehängt hat, der dazu auffordert, um einen Probierhappen der duftenden Käseköstlichkeiten zu bitten. Lust auf ein Pläuschchen? Dann ist jeder Halt lohnend, denn die Iren sind fröhlich-unkomplizierte Gesprächspartner, die die Ironie lieben. Gemütlich plaudert sich's zum Beispiel abends in Gertie's Pub in Keshcarrigan. Bei Gertie findet ein Wettbewerb statt - da wird der urigste Typ des Ortes, der "Curchie" gesucht und Gertie bittet händeringend darum, dass sich auch ein paar Einheimische um den ehrenvollen Posten bewerben...
Hausbooturlaub ist wie Camping auf dem Wasser. Die Küche ist vom Korkenzieher bis zur Salatschüssel voll ausgestattet. Geschirrtücher flattern auf der Leine, ums Einkaufen und Kochen kümmert man sich selbst, der Komfort mit Eckbank und Lieblings-Lümmelplätzen an Deck ist gut, wenn auch das Platzangebot in den Kabinen begrenzt ist. Die Heizung bullert in kühlen Nächten, selbst ein heiße Dusche gibt es. Und an den neu gestalteten Marinas kümmert man sich ebenfalls um die gern gesehenen Gäste. Da gibt es Waschmaschinen, Beschilderungen zum Abstecher in die kleinen Orte am Rand der Route, Tankmöglichkeit und Wasserzapfstelle. Und das nächste Pub, das nächste frischgezapfte Guinness ist nie weit. Wer schippert, muss auch arbeiten. Steuern, Wasser kontrollieren, manövrieren, Knoten schlingen, das Boot ausparken lernen und einparken, was im Fachjargon "Eindampfen über die Vorspring" heißt. Und wer schippert, muss schleusen. Der Wasserweg überwindet allein zwischen Leitrim und dem See Lough Scur 24 Meter Höhenunterschied, die mit 8 Schleusen reguliert werden. Schiffe fahren auf Irlands Kanälen bergauf. Natürlich sind die Schleusen auf der High-End-Wasserstrecke topmodern. Mit einer aufladbaren Speicherkarte werden die Gebühren bezahlt und die Tore bedient. Schleusenwärter sind eine mit großem Hallo begrüßte Rarität geworden. Einer von der Bootsbesatzung springt an Land um die Schleusenmechanik zu bedienen, einer steuert - sachte, sachte - den Kahn in das enge Becken. Zwei werfen die Taue, halten das Schiff daran fest und lernen binnen Sekunden, welche Gewalt die hereinströmenden Wassermassen haben und wie man sich gegen das Seil lehnen muss, um das Boot vor dem Schlingern zu bewahren. Von der umständlichen Last werden die vielen Schleusen schnell zur netten Abwechslung auf dem Weg, wenn man verinnerlicht hat: Der Wasserweg ist das Ziel. Und abends auf Lough Scur, auf dieser vollkommen stillen Wasserfläche, färbt sich der Abend langsam orange, während man zwischen immer engeren Rot-Weiß-Markierungen manövriert. Kahle Äste ragen wie Skulpturen aus dem Wasser, das saftige Gras brandet bis ans Ufer, wieder steigt der Nebel aus den Wiesen. Fast unmerklich schaukelt das Boot auf dem stillen See. Und beim Landgang durch den letzten Fetzen Helligkeit des Abends schaukelt der Körper noch lange weiter.
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